Deutschland: Dreiundvierzig Flaggen pro Bürger
Deutschland ist im EM-Fieber. Nein, Europa ist es. Man meint hier nur, es wäre Deutschland. Alle Leute sind vereint! Und Sie sind sich einig: Deutschland wird Europameister. Im Gedanken wahrscheinlich sogar Weltmeister.
Bereits 1939 war man derselben Ansicht, und auch da wurde man wenig später eines besseren belehrt. Oh, pardon, fühlen Sie sich angegriffen? Bei der Thematik wäre das nicht großartig verwunderlich. In Wirklichkeit ist es doch schön, so viel Nationalstolz. Und Verbundenheit fördert es auch. Ja. Sehr. Während bei der Weltmeisterschaft noch eine Deutschlandflagge aus dem Autofenster wehte, müssen es jetzt mindestens vier sein. Pro Fenster eine. Und auf der Motorhaube die fünfte. Man will ja zeigen, zu welcher Nation man gehört.
Doch auch ohne Fahnen ist es schnell ersichtlich. Ganz nach dem Grad der Besoffenheit, des Musikgeschmacks, der Parolen und des Benehmens kann man schnell erkennen: Aha, er ist Deutscher. Nur an der Intelligenz ist es schwer festzumachen, denn oftmals wurde die schon lange weggefoult.
Hier in unmittelbarer Umgebung hat ein Örtchen, welches sonst nur von älteren Generationen bevölkert wird, Ihrem Leben einen neuen, vielleicht sogar einen alten Sinn gegeben. Sie strömen aus ihren Bunkern mit einem einzigen Leitsatz: Deutschland verteidigen und unterstützen, um jeden Preis!
Und der ist teuer: Schwarz-rot-güldene Hauswände glitzern im Sonnentau, die deutsche Nationalhymne dröhnt in Ihrer Ursprungsform aus schwarz-rot-güldenen Boxen. Selbst Bratwürste wurden in den deutschen Nationalfarben eingefärbt. Der schwarz-rot-güldene Sonnenschirm wurde bestickt mit einem großen, sanft lächelnden Bundesadler und die graue Dauerwelle manch einer rüstigen Rentnerin wird mit einem schwarz-rot-güldenen Irokesen Haarschnitt aufgewertet. Die Männer tragen Kurzhaarschnitt oder Glatze, und spielen vor dem Altenheim neben Fußball auch Baseball und Pistolenschießen.
Der Hund der Schuberts, in der kleinen Gasse, Göbbelchen ist sein Name, will sich permanent selbst umbringen und versucht durch das schwarz-rot-güldene Blumenbeet auf die Straße zu stürzen. Traurig, wenn auch verständlich.
Doch die EM vereint nicht nur uns Deutschen mit uns Deutschen, nein, Sie sorgt auch für generationsübergreifenden Spaß: Jugendliche rennen mit Nationalfarbigen Klamotten bis auf die Unterwäsche auf die Straßen und singen irgendetwas zwischen: “Schlaaaaaan…” und “Leeeeoleeee”. Sie sind stolz auf ein Land, dessen geografische Fakten ihnen gänzlich unbekannt sind, dessen Politiker sie nicht namentlich nennen können und dessen Nationalhymnentext ihnen kurzerhand entfallen ist.
Und auch Geschichte bringt die EM wieder ans Tageslicht. Wie lange habe ich einen Satz wie: “Kann mal jemand die Türken töten” gehört? Die Deutschen bekommen anhand Ihrer eigenen Vertreter Ihre schlechte Geschichte ein weiteres mal vor Augen geführt. Ob Sie es verstehen? Oder braucht es noch ein paar Spiele, die nicht gewonnen werden? Auf die EM! Schlaaaaand!
Am 29. Juni 2008 um 12:19 Uhr
es ist so viel wahrheit und sakrasmus in diesem text.
schade das dieser text nicht viele menschen erreicht.
gestaunt und gelacht, also gut gemacht.
Am 7. Juli 2008 um 09:08 Uhr
Etwas Nachhilfe im Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus wäre angemessen.
Antwort von Daniel Philip Schuster: Etwas Nachhilfe in Sachen: „Gesunder Patriotismus“ oder „Sinn und Zweck des Patriotismus oder Nationalismus“ ist nie das Schlechteste.